Fallbeispiel · Edelstahlgeländer

Korrosion an neu montierten Edelstahlgeländern

An mehreren Balkongeländern aus Edelstahl zeigten sich schon kurze Zeit nach der Montage braune Verfärbungen und beginnender Lochfraß im Bereich der Schweißnähte. Der Eigentümer eines Mehrfamilienhauses beauftragte mich mit der Ursachenklärung.

Der Fall zeigt, dass „Edelstahl rostet nicht“ eine Verkürzung ist: Entscheidend sind Werkstoffwahl, Oberflächenzustand und Nachbehandlung.

  • Mehrfamilienhaus, Balkongeländer
  • Braunverfärbung und Lochfraß
  • Südwestlage, freibewittert
  • Nachbehandlung als Kernfrage
Metallrohre an einer Außenwand mit Korrosion und geschädigter Oberfläche
Metallrohre mit Korrosion und geschädigter Oberfläche.
Der Fall in Kürze

Ausgangslage und Auftrag

  • ObjektMehrfamilienhaus, Balkongeländer aus nichtrostendem Stahl
  • AnlassBraunverfärbungen und beginnende Korrosion kurz nach der Montage
  • LageSüdwestausrichtung, dauerhaft freibewittert
  • AuftragUrsachenklärung und Bewertung der Ausführung
  • GrundlageOrtsbesichtigung, Oberflächenbeurteilung, Sichtung der Lieferunterlagen
Feststellung

Was am Bauteil festgestellt wurde

Braunverfärbung der Flächen

Flächige, abwischbare bis anhaftende Verfärbungen an Handläufen und Füllstäben, ohne Materialabtrag.

Lochfraß an Nahtbereichen

Punktueller Angriff unmittelbar neben den Schweißnähten, dort am ausgeprägtesten, wo Anlauffarben verblieben waren.

Anlauffarben nicht entfernt

Deutlich erkennbare Verfärbungszonen beidseits der Nähte – ein Hinweis auf fehlende Nachbehandlung.

Schleifriefen quer zur Fläche

Grobe Bearbeitungsspuren, die Schmutz und Feuchte halten und die Passivschicht stören.

Eisenpartikel auf der Oberfläche

Hinweise auf Fremdrost durch Bearbeitung in unmittelbarer Nähe unlegierter Werkstoffe.

Ablaufsituation ungünstig

Konstruktive Bereiche, in denen Wasser stehen bleibt, statt frei abzulaufen.

Ursache

Wie der Schaden entstanden ist

Die Befunde sprechen dafür, dass die Passivschicht nach dem Schweißen nicht wiederhergestellt wurde. Anlauffarben sind chromverarmte Oxidschichten; bleiben sie stehen, ist die Korrosionsbeständigkeit genau dort herabgesetzt, wo die Konstruktion am stärksten beansprucht wird.

Hinzu kommen Fremdeisen und grobe Bearbeitungsspuren. Beides wirkt in freier Bewitterung als Startpunkt: Fremdpartikel rosten und übertragen den Angriff, Riefen halten Feuchte und Schmutz. Die Werkstoffwahl selbst war für die Beanspruchung nicht ungeeignet – die Ausführung der Oberfläche war es.

Eine sichere Aussage zur Werkstoffgüte setzt eine Materialanalyse voraus; sie wird bei Bedarf in Zusammenarbeit mit einem akkreditierten Prüflabor veranlasst und gutachterlich ausgewertet.

Einordnung

Regelwerke, an denen bewertet wurde

  • NachbehandlungBeizen, Passivieren oder mechanisches Entfernen der Anlauffarben nach dem Schweißen
  • OberflächenzustandBearbeitungsrichtung und Rauheit als Einflussgröße auf die Korrosionsbeständigkeit
  • FremdeisenTrennung von Bearbeitungsbereichen für legierte und unlegierte Werkstoffe
  • WerkstoffwahlEignung der gewählten Sorte für die vorliegende Beanspruchung und Lage
  • KonstruktionVermeidung von Bereichen mit stehendem Wasser und Ablagerungen
Empfehlung

Empfohlene Maßnahmen

  1. Umfang feststellenAlle Geländer auf Anlauffarben, Fremdrost und Lochfraßstellen systematisch aufnehmen.
  2. Oberflächen nachbehandelnAnlauffarben entfernen und die Passivschicht wiederherstellen; Bearbeitungsspuren angleichen.
  3. Fremdrost beseitigenEisenpartikel entfernen und anschließend nachpassivieren.
  4. Lochfraßstellen bewertenTiefe und Ausdehnung beurteilen; bei Materialabtrag über die reine Optik hinaus Bauteiltausch prüfen.
  5. Konstruktive Punkte entschärfenAblaufsituationen verbessern, damit Wasser nicht stehen bleibt.
  6. Pflege festlegenReinigungsintervall vereinbaren, das der Bewitterung der Lage entspricht.
Erkenntnis

Was der Fall zeigt

Edelstahl ist ein Werkstoff mit Bedingungen. Er hält, was er verspricht, wenn die Passivschicht intakt ist – und er versagt sichtbar, wenn sie es nicht ist. Der teuerste Fehler entsteht deshalb nicht bei der Werkstoffwahl, sondern in den letzten Arbeitsschritten.

Für Ausschreibungen folgt daraus eine einfache Konsequenz: Die Nachbehandlung gehört ausdrücklich in die Leistungsbeschreibung, nicht in die Erwartung.

Kontakt

Ähnlichen Fall schildern

Zeigen sich an Ihren Edelstahlbauteilen Verfärbungen oder Rostansätze, senden Sie mir Lichtbilder und Angaben zu Werkstoff und Lage. Sie erhalten eine Einschätzung, ob es sich um Fremdrost, um fehlende Nachbehandlung oder um einen Werkstofffehler handeln dürfte.

Cemal Seker, M.Eng. | IWE
Sachverständigenbüro
An der Allee 148
55122 Mainz

info@metall-sv.de

Von der Handwerkskammer Rheinhessen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Metallbau, Konstruktionstechnik.